Aufbruch Deutscher Fussball – Verlorenes Vertrauen gewinnt eine Marke nur durch Leistung zurück
Von Bastian Schneider
Jürgen Klopps Glaubwürdigkeit verschafft dem deutschen Fussball einen grossen Vertrauensvorschuss. Zum Turnaround der Marke wird diese Chance aber erst, wenn das ganze System wieder verlässlich bessere Leistung hervorbringt.
Der für mich wichtigste Satz von Jürgen Klopp auf seiner ersten DFB-Pressekonferenz als neuer Bundestrainer klingt beinahe unspektakulär: «Mein erstes Ziel ist, dass wir besser Fussball spielen.»
Nach Jahren der Enttäuschung hätte er über Titel, Mentalität oder neue Begeisterung sprechen können. Aber er beginnt bei der Leistung der Mannschaft, legt den Finger offen in die Wunde des deutschen Fussballs und macht in ganz einfachen Worten klar, wofür er antritt und wie er seine Aufgabe versteht. Das ist für mich grosses Fussball-Führungs-Tennis!
Besserer Fussball beginnt lange vor dem Anpfiff
Wir alle wissen: besserer Fussball lässt sich nicht anweisen. Er entsteht in den Entscheidungen der Spieler, in ihrem Verhalten unter Druck und darin, ob sie auch in schwierigen Phasen eine gemeinsame Idee erkennen, sie umsetzen und – wenn es richtig gut läuft – das Publikum durch ihre Heldenreise mit sich reissen. Nur diese Erfahrung auf dem Platz kann verändern, was Menschen dem deutschen Fussball zutrauen.
Besser Fussball spielen. Aus diesem scheinbar einfachen Ziel wächst die eigentliche, anspruchsvolle Führungsfrage für Klopp: Wer und was muss denn alles besser werden, damit die Nationalmannschaft wieder dauerhaft besser spielt?
Ich habe den Eindruck: Klopp ist sich der Dimension seiner Aufgabe sehr bewusst. Er spricht deshalb auch von Beginn an über die Mannschaft hinaus. Über die Zukunft des Verbandes, einen gemeinsamen Weg und seine Verpflichtung gegenüber allen, denen dieser Fussball wichtig ist. Er weiss, dass der ganze deutsche Fussball diese Leistung hervorbringen muss – und spricht proaktiv alle an, die daran mitarbeiten können und wollen.
Vereine und Trainer entwickeln die Nationalspieler, die in wenigen gemeinsamen Tagen zu einer Mannschaft werden sollen. Der DFB muss eine Richtung geben, die Ausbildung, Auswahl und Zusammenarbeit verbindet, und Entscheidungen auch dann durchhalten, wenn der erste Erfolg ausbleibt. Auch Fans und Medien sind Beteiligte. Sie führen den Prozess zwar nicht, ihre Erwartungen und ihre Resonanz verändern aber den Druck und die Atmosphäre erheblich, unter denen die Verantwortlichen entscheiden.
Eine Nationalmannschaft kann kaum ausgleichen, was in Ausbildung, Spielidee oder Zusammenarbeit über Jahre auseinanderläuft. Was im System getrennt bleibt, wird auf dem Platz sichtbar.
Nur die sichtbare Leistung wird an der Spitze erbracht. Ihre Voraussetzungen entstehen im ganzen System.
Wenn Enttäuschung zur Erwartung wird
Klopp übernimmt seine „Turnaround-Management“ Aufgabe in einem deutschen Fussball, dessen Energie aus meiner Sicht völlig erschöpft ist. Die vielen frühen Turnierausgänge der letzten Jahre haben weit mehr beschädigt als Ergebnisse.
Deutschland galt lange als Mannschaft, die unter Druck besonders schwer zu schlagen ist. Nicht mehr so bei der WM 2026. Inzwischen begleitet jede Entscheidung der Verdacht des nächsten Scheiterns. Ein Kader wird kritisiert, bevor die Spieler überhaupt gemeinsam trainieren. Eine Reform erscheint als Manöver, bevor sie greifen kann. Jeder gute, neue Ansatz beginnt seinen Weg mit der Last der vergangenen Jahre. In diesem Zustand produziert der deutsche Fussball nicht mehr nur schlechte Ergebnisse. Er reproduziert Enttäuschung.
In diesem Zustand produziert der deutsche Fussball als „System“ nicht mehr nur schlechte Ergebnisse. Er reproduziert Enttäuschung.
Und diese negative Erwartungsstimmung wirkt auf die Arbeit der gestaltenden Personen. Sie verkürzt die Geduld und erhöht den Rechtfertigungsdruck. Sie schwächt ihr Selbstvertrauen und ihr Selbstverständnis, aus dem heraus sie handeln. Die Verantwortlichen müssen bessere Leistung aufbauen, während viele schon den nächsten Rückschlag als endgültiges Urteil lesen. Das ist kein gesunder Zustand.
Geliehenes Vertrauen
Mit Jürgen Klopp als neuem Bundestrainer kommt hier jetzt aber etwas ins Spiel, das der DFB derzeit selbst kaum erzeugen kann: Klopps Glaubwürdigkeit.
Er hat noch kein Training geleitet und keine Struktur verändert. Trotzdem hören Menschen wieder genauer hin. Sie haben verinnerlicht, wie er Mannschaften entwickelt, Spieler besser macht und aus unterschiedlichen Fähigkeiten eine gemeinsame Kraft formt.
Das gibt den jetzt anstehenden Entscheidungen neuen Kredit. Unbequeme Schritte erhalten etwas mehr Zeit, ihre Wirkung zu zeigen. Auch nach einem Rückschlag bleibt die Chance, den eingeschlagenen Weg weiter zu prüfen. Der deutsche Fussball gewinnt Zeit für ernsthafte Arbeit.
Der DFB darf Klopps Vertrauen nicht mit seinem eigenen verwechseln!
Aber: Der DFB darf Klopps Vertrauen nicht mit seinem eigenen verwechseln! Der Vorschuss gehört Klopp. Der Verband leiht ihn sich. Klopp hat ihn mit früherer Leistung verdient. Jetzt kann seine Glaubwürdigkeit Raum für neue Leistung schaffen. Eigenes Vertrauen gewinnt der deutsche Fussball erst, wenn diese neue Qualität wiederholt auf dem Platz sichtbar wird.
CEOs kennen diese Situation sehr gut. Sie kommen als Hoffnungsträger in ein erschöpftes Unternehmen, und der Vorschuss gilt zunächst ihrer Person. Zum Vertrauen in das Unternehmen wird er erst, wenn Menschen auch an Stellen und in Situationen wieder besser entscheiden, zusammenarbeiten und leisten, an denen der neue CEO gar nicht anwesend ist. Genau diese Übersetzung muss auch Klopp gelingen.
Jeden Stein umdrehen
Klopp will dazu «jeden Stein umdrehen» und notwendige Veränderungen ohne Aktionismus angehen. Er übernimmt kein leeres Feld. Im deutschen Fussball gibt es starke Spieler, gute Trainer und Vereine, die seit Jahren wertvolle Arbeit leisten. Gleichzeitig verhindern gewachsene Routinen an neuralgischen Stellen, dass gute Kräfte zusammenkommen und gute Arbeiten verstärkend zusammenwirken.
Für mich liegt genau hier die anspruchsvollste Führungsaufgabe. Klopp und der DFB müssen erkennen, was trägt, was gute Arbeit behindert und was für den fussballerischen Erfolg in Zukunft neu aufgebaut werden muss. Sie müssen bei ihren Entscheidungen ein hohes Mass an Urteilskraft zeigen, oft unter Zeitdruck und gleichzeitig dafür sorgen, dass diese Urteilskraft im ganzen System wachsen kann.
Viele entscheidende Weichen werden in Vereinen, Akademien und Verbandsgremien gestellt, in denen Klopp nicht anwesend ist. Er hat keine andere Wahl: Er muss die gemeinsame Richtung stärken, aus der heraus dann auch andere besser urteilen und handeln können. Sein erster Satz liefert ihnen dafür den Massstab: Hilft uns das, besser Fussball zu spielen?
Die eigentliche Leistung des Hoffnungsträgers beginnt, wenn das System aus eigener Kraft wieder besser handelt.
Ein gutes Spiel reicht nicht
Die eigentliche Leistung des Hoffnungsträgers beginnt, wenn das System aus eigener Kraft in diesem Sinne wieder besser handelt. Besserer Fussball ist nur die sichtbare Folge der Aufbauarbeit unter der Oberfläche.
Eine gemeinsame Idee vom deutschen Fussball muss dazu in den Entscheidungen der Spieler wieder auf dem Platz erkennbar werden – und sich gerade dann besonders deutlich zeigen, wenn der Gegner wechselt, der Druck steigt oder das Spiel anders verläuft als geplant.
Ein einzelnes gutes Spiel kann Hoffnung wecken. Ein erfolgreiches Turnier vielleicht neue Begeisterung. Vertrauen aber wächst erst wieder, wenn Menschen dieselbe Qualität wiedererkennen und erneut aus innerer Überzeugung heraus mit ihr rechnen. Genau dort gewinnt dann die Marke „Deutscher Fussball“ wieder neue Kraft: Ihre besondere Leistung wird wiederholt erlebt, erinnert und für die Zukunft erwartet.
Der von Jürgen Klopp vorgegebene Massstab „besser Fussball spielen“ reicht deshalb weit über das nächste Turnier hinaus. Der deutsche Fussball muss über Jahre hinweg wieder neue Mannschaften hervorbringen, die erkennbar für eine klare Idee des deutschen Fussballs stehen. Nicht wie Spanien, nicht wie Argentinien, nicht wie Frankreich. Wie Deutschland. Nur dann wissen auch die Spieler wieder, wofür sie gemeinsam antreten. Und nur dann erkennen auch die Fans wieder, was sie mit „ihrer Mannschaft“ verbindet.
Voller Hoffnung in die Zukunft
Klopps Ruf verschafft dem deutschen Fussball jetzt dringend erforderliche Aufmerksamkeit und Zeit. Seine grösste Führungsleistung wäre ein deutscher Fussball, der diesen Vorschuss irgendwann nicht mehr braucht. Jürgen Klopp ermöglicht den Aufbruch. Beweisen muss ihn der ganze deutsche Fussball. Ich drücke ihm fest beide Daumen!